Zeig mir, wie du schreibst

Zeig mir, wie du schreibst

... und ich sage dir, wie alt du bist.

Anders ausgedrückt: Wer meine Text liest, erkennt, wie alt ich bin – gehöre ich doch zu den sprachlichen Dinosauriern, die in einer analogen Welt aufgewachsen sind. Aber schon als ich ein Kind war, wandelte sich natürlich auch die Sprache.

Zwei Anekdoten aus meiner Familie haben in diesem Zusammenhang einen festen Platz in meinen Erinnerungen. Die eine ist mit einem französisch-deutschen Wörterbuch aus den frühen 1960er-Jahren verbunden, das vermutlich für meine beiden älteren Brüder angeschafft wurde. Als ich es in die Hände bekam, vermutlich waren da schon die 1970er-Jahre angebrochen, war ich fasziniert von dem Eintrag zu frz. douche. Als deutsche Übersetzung war da nämlich nicht etwa „Dusche“ angegeben, wie es heute wohl in jedem Wörterbuch zu lesen sein dürfte. Nein, die Übersetzung im alten Wörterbuch lautete „Spritzbad“. Was für ein schönes Wort! Der Haken daran ist nur, dass niemals jemand in meiner Umgebung ein Spritzbad nahm. Dusche ist der Begriff, mit dem ich aufgewachsen bin und der mich über den Eintrag im Wörterbuch schon damals lachen ließ.

Die andere Anekdote zum Wandel im Sprachgebrauch ist eine der geflügelten Geschichten, die in meiner Herkunftsfamilie kursierten. Meine Eltern nämlich, beide Mitte der 1920er-Jahre geboren, lernten sich kennen bei einer Veranstaltung, die es zwar heute noch gibt (das Internet verrät es), die mir aber schon als Kind als Ereignis aus einer längst vergangenen Epoche vorkam: bei einem Tanztee nämlich. Was meine Geschwister und mich aber noch mehr staunen ließ als das Ereignis selbst, war der erste Satz, den unser Vater beim Kennenlernen sagte:  „Fräulein Irene, würden Sie mit mir tanzen?“ Dass man sich unter jungen Menschen siezt, war schon in meiner Jugend überholt. Inzwischen ist allgemeines Duzen noch selbstverständlicher geworden und das „Fräulein“ ist Geschichte.

So wie ich spreche (und schreibe) doch kein Mensch mehr, sagen also meine längst erwachsenen Söhne. Hier folgen einige meiner wenig maßgeblichen Beispiele zur aktuellen Sprache, die, sofern sie gehäuft in einem Text auftreten, darauf hindeuten, dass der Verfasser oder die Verfasserin unter 30 ist. Vereinzelt kommen diese Phänomene auch in Texten älterer Schreibender vor. Nicht jeder über 30 ist sprachlich so verknöchert und so wenig anpassungsfähig wie ich. ;-)

weil: Fast schon ein alter Hut. „Weil er hat das gesagt.“ Nein, nicht ich. Für mich leitet „weil“ immer noch einen Nebensatz ein, keinen Hauptsatz.

welche: „Der Blogbeitrag, welcher nie gelesen wurde.“ Warum einfach, wenn es kompliziert geht? Ich bleibe beim guten alten Relativpronomen „der“.

verschwurbelte Konstruktionen, unklare Bezüge: „Wer nach den Regeln handelt und die sonstigen Bedingungen stimmen sollte Bielefeld außen vor lassen.“  Wie bitte?

schwache und starke Deklination: Das Buch „des Autoren“ begegnet mir immer häufiger. Das Buch des Autors wäre angemessener.

Wegfall der Deklination: „Ein Versuch ist es wert.“ Nein! Einen Versuch darf man wagen.

wer oder jemand: „Da ist wer hinter dem Haus. Hat dich wer gesehen?“ *seufz*  Da ist jemand jemand hinter dem Haus. Hat dich jemand gesehen?

dieser: Otto ist in der Stadt. „Er ist weit über die Grenzen dieser hinaus bekannt.“ Warum nicht schlicht und einfach: über ihre Grenzen hinaus ...

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