Thüringer Weihnachtsgebäck

Ein Gastbeitrag von Daniela Dreuth, Wortakzente

Wenn eine Sprachwissenschaftlerin in einen anderen Dialektraum umzieht – selbst, wenn sie eigentlich Fremdsprachen studiert hat –, fühlt sie sich eine Weile wie im Paradies. Mir jedenfalls ging es so, als es mich vor Jahren von Mittelhessen nach Thüringen verschlug. Jeden Abend berichtete ich meinem Mann begeistert von meinen Entdeckungen: neuen Wörtern, „merkwürdigen“ Aussprachen, faszinierenden Redewendungen. Auch musste ich feststellen, dass meine Zuhörer durchaus nicht alles verstanden, was ich sagte, manches gar amüsant fanden, obwohl ich mir doch einbildete, halbwegs Hochdeutsch zu sprechen. Besondere Fallstricke boten Einkäufe, vor allem beim hier Fleischer genannten Metzger. Beispielsweise war ich leicht beleidigt, als gleich mehrere Fleischereifachverkäuferinnen sich vor Lachen kringelten, als ich einen „Kringel“ Fleischwurst verlangte.

Zum Jahresende musste ich feststellen, dass der Ausdruck „zwischen den Jahren“ den Thüringern nicht geläufig ist. Diese vergnügten sich an meinem verblüfften Blick, als ich erstmals eine Frau sagen hörte, sie müsse jetzt aber dringend damit anfangen, „Schittchen“ zu backen. Schittchen? Schitte ist das Wort, das wir als Kinder benutzten, um das damals noch streng verbotene andere Wort mit Sch… zu umgehen! Was sollte da wohl gebacken werden? Es stellte sich heraus, dass es sich um „eine Stolle“ handelte, andernorts als der Stollen geläufig. Aber woher dieser Name?

Thüringer Weihnachtsgebäck
Foto: © Eva Brandecker

Neugierig nahm ich Nachforschungen auf und fand heraus, dass auch die Sprachwissenschaftler dies nicht so genau sagen können. Da man im Raum Gotha jedoch „Scheitchen“ sagt, nehmen sie an, dass es sich daraus entwickelt hat und die Form des Stollens zu der Assoziation mit Holzscheiten geführt hat. Sicher sind sie sich aber nicht. Die Menschen in Erfurt und den südlich davon liegenden Orten stören sich jedenfalls nicht an dem leicht anrüchigen Klang des Wortes, sondern genießen ihr leckeres Weihnachtsgebäck. Ich wiederum finde es faszinierend, dass der Begriff aus einem Ort stammt, dessen Bewohner den Spitznamen „Puffbohnen“ tragen. Aber das ist eine andere Geschichte …

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Kommentare:
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    Daniela
    12. Dezember 2011

    Also, Kräppel als Bezeichnung für Berliner kenne ich aus meiner hessischen Heimat. In Thüringen muss ich allerdings Pfannkuchen verlangen, wenn ich das richtige Gebäck in der Bäckertüte finden möchte. Das, was die Hessen Pfannkuchen nennen, heißt hier dafür Eierkuchen.

    Der Bertuch-Verlag nimmt mir in seinem heutigen Adventskalendertürchen die Erklärung der Puffbohnen ab: http://www.erfurt-lese.de/index.php?article_id=251

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    HBaller
    05. Dezember 2011

    Die Fleischwurst wird hier in Köln im Ring verkauft. Mit oder ohne Knoblauch. Die Blutwurst - Flönz genannt - ebenso.
    Bei meiner ostpreußischen Oma hießen die Berliner Kräppel - ob das nun aber ihrer Heimat oder ihrem späteren Wohnsitz geschuldet ist, weiß ich nicht. Meine Berliner Oma sagt Pfannkuchen dazu.
    Die Puffbohnen kenne ich nur als Dicke Bohnen unn bin ebenfalls auf die Erklärung gespannt.
    Und jetzt geh ich Abendbrot machen.

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    Ines
    03. Dezember 2011

    Genau, über die Puffbohnen möchte ich auch mehr lesen. Da ich aus einer Berliner Familie stamme, ist mir „die Stolle“ sehr geläufig. Sehr spannend finde ich diese regionalen Eigenheiten.
    Vielen Dank für den Beitrag, liebe Daniela. Durch das Foto ist er noch schöner geworden, auch dir, liebe Eva, vielen Dank!

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    Petra A. Bauer
    02. Dezember 2011

    Schittchen, wie nett :-)
    Es gibt auch einen französischen Kuchen mit Löffelbiskuits in einer Kastenform, der übersetzt “Holzscheit des Weihnachtsmannes” heißt. Offenbar gibt es diese Assoziationen häufiger.
    “Die Stolle” sagen wir Berliner übrigens auch. Und apropos Berliner:
    Als ich in Schleswig-Holstein einst Silvesterpfannkuchen in einer Bäckerei vorbestellen wollte, sagte die Bäckereifachverkäuferin: “Nä, also von Berlinern nehmen wir keine Vorbestellungen an!” Ich wollte gerade schwer beleidigt sein, als mir aufging, dass ich einem Sprachmissverständnis aufgesessen war :-)

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