Münchner Weißwürscht

Ein Gastbeitrag von Elke Hesse, Wortgestalten

Als ich Danielas Beitrag zum Thüringer Weihnachtsgebäck las, musste ich unwillkürlich an den sprachlichen und kulinarischen Fauxpas denken, den ich vor vielen Jahren als frischgebackene Journalistenschülerin aus Nordrhein-Westfalen im ersten Monat in der bayerischen Landeshauptstadt beging. Mein Auftrag lautete, für die Journalistenschule eine mitreißende Reportage vom Aufbau des Oktoberfestes auf der Theresienwiese zu schreiben. Mal abgesehen davon, dass ich mich darüber wunderte, überhaupt keine Wiese vorzufinden, sondern einen größtenteils fest betonierten Platz, und dass ich darüber grübelte, wieso eigentlich jedes Jahr im September ein Fest beginnt, das den „Oktober“ im Namen trägt – schlich ich ansonsten mindestens anderthalb Stunden lang unter emsig arbeitenden Männern umher, die auf Gerüsten herumturnten, Bier tranken und sich mir unverständliche Sätze zuriefen. Ich traute mich nicht, auch nur einen von ihnen anzusprechen und zu interviewen, wie es sich für eine „gscheite“ Reportage gehört hätte.
Also blieb mir nichts anderes übrig, als später einfach meine Reportage zu erfinden. Das fiel mir gar nicht mal so sonderlich schwer, Fantasie hatte ich. Peinlich war nur, dass unser Lehrer, ein bekannter SZ-Journalist, am nächsten Tag vor versammelter Klasse über unsere Reportagen urteilte. Meine in der Hand haltend, grinste er süffisant, meinte: „Es geht doch nichts über eine gute Recherche, vor allem, wenn die Reporterin von jenseits des Weißwurstäquators kommt“, und er zitierte genüsslich: „Über der ganzen Theresienwiese liegt der Duft von frisch gebratenen Weißwürsten.“ Grölendes Gelächter. Schenkelklopfen. Zum Teil aber auch ratlose Gesichter, so wie meines.

Münchner Weißwürscht
Foto: © Eva Brandecker

Meine neben mir sitzende bayerische Freundin, ein echtes Münchner Madl, klärte mich dankenswerterweise auf: Weißwürste bzw. Weißwürscht, wie der Bayer sagt, werden nie und niemals gebraten, sondern lediglich in heißem Wasser gebrüht/gesiedet/gesotten. Ihre Geruchsentfaltung ist daher äußerst minimal (ähnlich ihrer Geschmacksentfaltung, behaupte ich mal, aber Pardon, das gehört jetzt nicht hierher).
Jedenfalls: Bei meinen Freunden blieb diese hübsche Anekdote unvergessen und etliche Jahre später erhielt ich als Hochzeitsgeschenk ein selbst geschriebenes Kochbuch mit kulinarischen Geheimnissen von Freunden und Verwandten. Darin, wen wundert‘s, das hinreißend geschriebene Rezept zweier Journalistenfreunde: Weißwürste gebraten, schön knusprig!
Ob es an der Weißwurst lag, dass meine journalistische Karriere nie so richtig in Schwung kam? Egal, Hauptsache ist: Ich arbeite heute tagtäglich mit dem, was mir am liebsten ist – mit Sprache und ihren unendlichen Möglichkeiten. Ob ein Text gekocht, gebraten, gesiedet, gebrüht oder gesotten wird – das ist letztendlich wurscht, Hauptsache, er wird gar und kommt auf den Punkt.

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