Lektoratshonorar kalkulieren

Lektionen aus der Selbstständigkeit

Dies ist ein Beitrag zur Blogparade Lektionen aus der Selbstständigkeit, ausgerichtet von Positionierungs-Coach Heide Liebmann.

Lektion 1
Ginge alles im Leben nur glatt, müsste man misstrauisch werden. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere an Polykrates und sein unglaubliches Glück (wer zur Auffrischung Schillers Ballade dazu lesen möchte, klicke bitte hier: Der Ring des Polykrates). Nun bleibt zwar in der Ballade offen, wie es dem glücklichen Polykrates in der Folge erging, aber das gewaltsame Ende des historischen Tyrannen gleichen Namens lässt nichts Gutes ahnen. Und die Moral aus der Geschicht’ ist sowieso klar: Ohne Stolpersteine geht es auch in der Selbstständigkeit nicht. Zum Glück darf man diese meist ohne blutige Nase oder Schlimmeres überwinden und daraus lernen.
Denn eins steht fest. Wie gut auch immer man sich auf die Selbstständigkeit vorbereitet hat und wie lange auch immer man schon dabei ist: Schwarze Löcher, offene Fragen und unerwartete Situationen gibt es stets aufs Neue.

Lektion 2
So ergab es sich zum Beispiel vor gut einem Jahr, dass ich eine Anfrage von einer Privatperson erhielt auf Empfehlung einer früheren Unternehmenskundin. Mit Privatkunden habe ich selten zu tun, aber die Zusammenarbeit mit der Empfehlenden war sehr nett (und endete nur, weil sie aus dem Unternehmen aussschied) – also fühlte ich mich geschmeichelt wegen der Empfehlung. Das muss mir so die Sinne vernebelt haben, dass ich etwas tat, wovon ich jungen Lektoratskolleginnen abrate: Ich begann zu lektorieren, ohne vorher eine Textprobe gesehen zu haben. Zu dem Zeitpunkt hatte sich schon ein Missverständnis ans nächste gereiht – was mir erst im Nachhinein klar wurde. Denn geantwortet hatte ich auf die erste Mail nur allgemein, weil ich sie als unverbindliche Anfrage von der Art „Machen Sie das überhaupt“ verstanden hatte. Danach hörte ich lange nichts mehr und hielt die Sache für erledigt, bis Wochen später plötzlich ein Text der Anfragenden in meinem Postfach landete mit der Bitte um Lektorat bis zu dem und dem Termin.
Und so fing ich einfach an, den Text zu bearbeiten. Lektorenreflex wahrscheinlich, zumal mich das Thema interessierte. Zu dem einen Text kamen Nachträge, der Gesamttext wurde länger, die mir gesetzte Zeitspanne für das Lektorat kürzer. Abschließend wollte ich die Rechnung schreiben, begründete den entstandenen Zeitaufwand – und erhielt zur Antwort, dass ich doch einmal etwas von x–y Stunden geschrieben hätte. Hatte ich tatsächlich, aber nur als allgemeine Information (so sah ich das) und nicht als verbindliches Angebot (so sah die Kundin das). In Zukunft bin ich hoffentlich klüger beim Formulieren unverbindlicher erster Mails und denke an mein Mantra: Immer mit Textprobe!

Lektion 3
Früher oder später geht es unweigerlich um die eigentliche Kunst, nämlich das Kalkulieren eines Angebots, um die richtige Balance zwischen betriebswirtschaftlicher Kalkulation, Marktpreisen und zu erwartendem Arbeitsaufwand. Es gibt viele Lektorinnen und Lektoren, die nach Normseiten kalkulieren. Ich ziehe die Abrechnung nach Stunden vor, ich möchte Sprache nicht normen. Jeder Text ist anders, deshalb ist die Textprobe so wichtig, nur so bekommt man ein erstes Gespür für den zu erwartenden Gesamttext. Überraschungen erlebe ich dennoch. Manche Texte erschließen sich der Lektorin leicht, andere zieren sich lange. Und damit meine ich nicht einmal literarische Texte, sondern Sach-, Informations- und Werbetexte, Gebrauchstexte im weitesten Sinn. Natürlich ergeben sich mit der Zeit Erfahrungswerte, der Aufwand für Werbelektorat zum Beispiel ist meist besser überschaubar als der für andere Texte, aber das Kalkulieren bleibt ein ständiger Lernprozess.

Lektion 4
Auf jeden Fall geht es immer weiter, ich freue mich auf den nächsten Auftrag voller Überraschungen und lerne aus meinen Fehlern – bis zum nächsten Stolperstein. Dann könnte ich aufstehen, die Krone richten und weitergehen.
Oder lachen. Am besten über mich selbst.

Kommentare:
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    Preißndirndl
    20. Dezember 2013

    Oh ja, das kommt mir bekannt vor: Auf diese Weise habe ich mal für jemanden ein Buch geschrieben, statt es nur zu lektorieren. Als ich als Co-Autorin genannt werden wollte und ein höheres Honorar bzw. Umsatzbeteiligung verlangte, berief sich der Mann auch auf unsere vorherige Absprache bzw. erklärte mir, der Verlag habe den Text noch mal wahnsinnig überarbeiten müssen. Nach Erscheinen des Titels brach ich in der Buchhandlung fast zusammen, als ich MEINEN Text wortwörtlich abgedruckt wiederfand. Zumindest weiß ich jetzt: Ich kann schreiben, wie gedruckt! Und nie wieder beginne ich zu Lektorieren ohne den Gesamttext vorliegen zu haben.

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  • Avatar
    Übersetzungsbüro Nastula
    09. Dezember 2013

    Danke für den schönen Artikel. Angebotskalkulationen sind oft, insbesondere bei Texte die einen hohen Arbeitsaufwand für das Lektorat erfordern schwer (oder zumindest ist es schwer den Preis der bei einer ehrlichen Kalkulation herauskommt zu rechtfertigen und mit diesem Preis am Markt zu bestehen).

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