Fast vergessene Mundarten

Als vor einiger Zeit die Mail eines freundlichen Bloglesers zur Mundart Potokisch in meinem Postfach landete, ahnte ich noch nicht, welche Kreise dieses Thema für mich ziehen würde. Vor Jahren notierte ich kurz im Sprachblog, dass Mantakisch, Hopgartnerisch und eben Potokisch Mundarten sind, die sich als deutsche Sprachinseln auf heute slowakischem Gebiet erhalten haben. Mehr über diese wohl hauptsächlich Sprachwissenschaftlern bekannten Mundarten und die Geschichte der Menschen, die sie sprechen, war mir nicht bekannt.

Mich faszinieren die Sprachinseln, weil sie zeigen, dass Migrationsbewegungen keine Erfindung der Globalisierung sind. Ganze Familien nahmen schon vor Jahrhunderten lange und beschwerliche Reisen auf sich, um in der Ferne eine besseres Leben zu finden. Ob die Gründe für die Auswanderung politischer, wirtschaftlicher oder sonstiger Natur waren und sind, ist nicht wichtig. Die Muttersprache bildet offenbar ein sehr starkes Band, das lange Zeit überdauert.

Sprachenkarte Böhmen

Zurück zu der Mail, der eine Textprobe angefügt war aus dem Buch „Bergstädte der Unterzips“, 1983 herausgegeben von Ladislaus Guzsak und Arbeitskreis Unterzips. Um einen Eindruck von der Mundart zu vermitteln, zeige ich im Bild die erste Strophe des im Buch auf S. 263 abgedruckten Gedichts.

Potokisch

Eine Freundin, der ich von den böhmischen Sprachinseln erzählte, wies mich auf weitere deutsche Sprachinseln hin. Selbst in der Osttürkei gibt es ein Dorf, in dem noch Deutsch gesprochen wird (Berichte aus dem Jahr 2009 beim SWR und im Tagesspiegel). Sie schenkte mir außerdem das Buch Die versprengten Deutschen von Karl-Markus Gauß, das ich gerade lese. Der Autor schildert anschaulich die deutschen Sprachspuren, die sich in Litauen, der Ukraine und der Slowakei noch heute finden.

Und endlich fiel mir ein, dass ich zwar niemanden kenne, der direkt aus der Zips kommt, aus dem Gebiet also, in dem Potokisch gesprichen wird. Aber eine Sportfreundin, die ich seit Jahren kenne, stammt aus der Slowakei, und zwar aus einer deutschsprachigen Familie, deren Vorfahren im 15. Jahrhundert in dieses Gebiet zogen.

Und so schließen sich immer wieder über politische Turbulenzen und Differenzen hinweg Kreise, sprachliche, menschliche.

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