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Ines Balcik, Sprachblog

IB-Klartext: Werbe- und Wirtschaftslektorat ° Korrektorat ° Redaktion

Über Rechtschreibregeln und Sprachgefühl

Thomas Kochler ist es auch, der mir netterweise diese Glosse schickte.

Mal ehrlich: Wer hat sich noch nicht gefragt, ob das Beharren auf Sprach- und Rechtschreibregeln nicht ziemlich viel Beckmesserisches an sich hat?

Der Haken an Sprache ist, dass sie sich nicht so wunderbar eindeutig und logisch handhaben lässt wie die Mathematik. 2 + 2 = 4, daran ist nicht zu rütteln. An vielem, was mit Sprache zu tun hat, lässt sich sehr wohl rütteln.

Welche Sprache wir überhaupt sprechen, hat viel mit unserer regionalen Herkunft zu tun. Bekanntlich gibt es auch innerhalb der deutschen Sprache noch einmal unzählige regionale Besonderheiten, die Mundarten oder Dialekte.
Außerdem hängt Sprache zusammen mit sozialem Status, Bildung, Alter und vielen anderen Faktoren.

Kein Wunder eigentlich, dass es Probleme gibt, wenn man versucht, ein so komplexes Gebilde wie die deutsche Sprache in ein Regelwerk für geschriebene Sprache zu zwängen. Im 19. Jahrhundert begannen Sprachforscher, zunächst Wörter zu sammeln, bis schließlich 1902 erstmals eine einheitliche Rechtschreibung eingeführt wurde. Diese Rechtschreibung basierte auf Konrad Dudens “Vollständigem orthographischen Wörterbuch der deutschen Sprache” (1880). Sprache wandelt sich im Lauf der Zeit, Rechtschreibregeln werden nur mit Verzögerung angeglichen.

Auch die Grammatik ist — bei Licht besehen — keine wirkliche Hilfe. Denn unser Grammatiksystem wurde ursprünglich für die lateinische Sprache entwickelt, und das merkt man ihm noch immer an. Nur so ist es z.B. zu erklären, dass wir hartnäckig den Genitiv (Wessen-Fall) als 2. Fall bezeichnen, obwohl doch der Akkusativ (Wen-Fall, 4. Fall) im Deutschen viel häufiger vorkommt. Außerdem bietet unsere Grammatik Raum für viel Interpretationsspielraum. Nehmen wir z.B. die Nebensätze: Sie können eingeteilt werden nach formalen, inhaltlichen und funktionalen Kriterien. Ja wie denn nun?

Goethe hatte es gut, denn der durfte noch schreiben, wie ihm der Schnabel gewachsen war. Heute haben wir etwas mehr Probleme, aber das ist noch längst kein Grund zum Verzweifeln. Nehmen wir unsere Kleidung als Beispiel: Wir passen sie unserer Umgebung an. Zu Hause darf’s ein bisschen legerer sein, zum Vorstellungstermin erscheinen wir aber lieber nicht im schlabberigen Jogginganzug. Für die geschriebene Sprache empfiehlt sich Ähnliches. Ihre Privatbriefe können Sie nach Ihren eigenen Rechtschreibregeln schreiben, aber im Geschäftsbereich empfiehlt sich doch ein nicht allzu fantasievoller Umgang mit den herrschenden Regeln — auch wenn die niemand vollständig beherrscht.

Und nun kommt der große Vorteil der Sprache gegenüber der strengen Mathematik: Wir dürfen im Umgang mit Sprache ruhig Gefühl zeigen. Unser Sprachgefühl ist nicht der schlechteste Wegweiser im Regeldickicht. Leider ist dieses Sprachgefühl nicht bei jedem Menschen gleich ausgeprägt. Wir wissen es seit unserer Schulzeit: Manchen liegen Zahlen, andere sind bei Naturwissenschaften in ihrem Element und manchen fällt Rechtschschreibung leichter als anderen. Wer weiß, dass Rechtschreibung nicht seine Stärke ist, muss auf diesem Gebiet eben zu etwas mehr Hilfsmitteln greifen als jemand, dem sie leichter fällt.

Der Spagat zwischen Regeln und Alltagssprache ist nicht immer einfach. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit muss er deshalb noch lange nicht stehen. Vergessen wir nicht, dass Rechtschreibung lediglich ein Hilfsmittel dafür ist, dass unsere geschriebenen Botschaften zu einer gelungenen Kommunikation beitragen.

Noch eine Kommafrage

Wie sieht es mit dem Komma beim erweiterten Infinitiv mit zu aus?

Wenn Sie wie nach den alten Regeln weiterhin ein Komma setzen, sind Sie auf der sicheren Seite. Grundsätzlich stellt die neue Rechtschreibung die Entscheidung frei. Im folgenden Beispiel sind beide Möglichkeiten richtig: Ich versuche(,) alle Kommas richtig zu setzen.

Bei längeren Sätzen ist das Komma oft sinnvoll, um inhaltliche Missverständnisse zu vermeiden. Außerdem gibt es auch in der neuen Rechtschreibung Fälle, für die das Komma zwingend vorgeschrieben ist. Das gilt dann, wenn ein hinweisendes Wort oder eine Wortgruppe auf die Infinitivgruppe hinweist.
Beispiel: Ich habe keine Probleme damit, Kommas richtig zu setzen.

Für Partizipgruppen gilt dasselbe wie für die erweiterten Infinitive.

Vielen Dank für die Anregungen an Thomas Kochler.

größer als, aber so groß wie

Auf Anregung eines Lesers noch eine Ergänzung zum Gebrauch von “als” und “wie” bei Vergleichen:

Wird Gleiches verglichen, heißt es “wie”.
Beispiel: Jürgen ist so alt wie Sabine.

Wird Ungleiches verglichen, heißt es “als”.
Beispiel: Petra ist älter als Jürgen.

Nach dem Komparativ (Steigerungsstufe) muss also in der Schriftsprache “als” folgen, auch wenn dies umgangssprachlich häufig anders gehandhabt wird.

Kommafallen als und wie

Überflüssige Kommas tauchen auch gerne vor „als“ und „wie“ auf. Wann muss nun vor diesen beiden unscheinbaren Wörtern ein Komma gesetzt werden und wann nicht?
So schwierig ist die Entscheidung gar nicht.

Kein Komma steht, wenn „als“ und „wie“ vergleichend gebraucht werden.
Beispiele:
Steffi ist größer als Lisa.
Die Farbe glänzt wie Gold.

Ein Komma steht, wenn „als“ und „wie“ einen Nebensatz einleiten:
Beispiele:
Es war schon fast Mittag, als Paulchen endlich aufstand.
Mach es so, wie du es für richtig hältst.

Faustregel: Wenn nach „als“ und „wie“ noch ein Verb (Zeitwort) im Satz folgt, ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich groß, dass ein Komma gesetzt werden muss. Folgt kein Verb (Zeitwort) mehr, ist auch kein Komma nötig.
Mit den Verallgemeinerungen ist das natürlich immer so eine Sache. Bei der deutschen Rechtschreibung gilt fast immer: Keine Regel ohne Ausnahme. Wahrscheinlich lässt sich auch ein Gegenbeispiel für diese Faustregel konstruieren, wenn man etwa einen komplizierten Schachtelsatz benutzt. Ich freue mich über Beispiele.

Auch die Kommasetzung vor „als“ und „wie“ ist übrigens keine Erfindung der neuen Rechtschreibung, sie ist schon lange gültig.

Das leidige Komma

Punkt, Punkt, Komma, Strich - fertig ist der Zeichensalat?
Zwar hat die neue Rechtschreibung viele Erleichterungen und mehr Wahlmöglichkeiten bei der Kommasetzung gebracht, aber das Gefühl allein reicht doch nicht immer zur richtigen Entscheidung aus.

Immer häufiger tauchen inzwischen Kommas auch an Stellen auf, an die sie gar nicht hingehören. Die beiden wichtigsten Aufgaben des Kommas sind die Trennung von Satzteilen bei Aufzählungen und die Trennung von Haupt- und Nebensätzen. In einem normalen Aussagesatz ist das Komma fehl am Platz.
Merke: Kein Komma im einfachen Satz!
Beispiele für falsche Kommasetzung:
Der geringste Teil davon, entspricht meiner ursprünglichen Absicht.
Die Leiterin einer Computerschule in Kleinkrötendorf, las ihr bislang unveröffentlichtes Manuskript über die Beziehung eines Jungen zu seinem Computer.

Um herauszufinden, ob es sich um einen einfachen Aussagesatz handelt, muss man kein Grammatikexperte sein. Ganz einfach funktioniert das nämlich mit der Ersatzprobe. Bei ihr wird jeder Satzteil durch ein Wort ersetzt. Für die Sätze oben ergibt das “Er entspricht ihr” und “Sie las es über ihn”. Das ergibt zwar inhaltlich wenig Sinn, zeigt aber, dass es sich um einfache Sätze handelt, in denen kein Komma nötig ist.

Besonders häufig sieht man falsche Kommas dann, wenn ein Satz durch eine Adverbialbestimmung (Umstandsbestimmung) mit Präposition (Verhältniswort) eingeleitet wird. Beispiel für falsche Kommasetzung: Bei Einbruch der Dämmerung, schalten Autofahrer das Licht an. Die Ersatzprobe ergibt: “Dann schalten sie es an”. Ein Komma darf also nicht gesetzt werden.

So zumindest lautet die Regel nach alter und neuer Rechtschreibung. Warten wir ab, was eine nächste Rechtschreibreform uns bringt. ;-)

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